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„Verschollen in British Columbia“
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„Verschollen in British Columbia“
Anna stützte die Hände in die Hüften und atmete tief ein. Die letzten Schritte waren ihr schwergefallen, sie musste stehenbleiben, um mehr Luft zu bekommen. Eine Stunde war sie zügig bergan gestiegen, jetzt hatte sie endlich den oberen Rand des Kessels erreicht. Vor Anstrengung pochte ihr Herz wie verrückt. Glücklicherweise setzte ein leichter Regen ein und kühlte ihr erhitztes Gesicht. Für einen Moment schloss sie die Lider und genoss die Feuchte auf der Haut.
Wieder einmal war sie überwältigt von dem unbegreiflich tiefen Blau des Crater Lake. Vor fünf Jahren hatte das erste Mal sie diesen geheimnisvollen See erblickt. Damals war sie Hals über Kopf aus Deutschland vor ihrem psychopathischen Ehemann geflohen. Doch Paul und die State Police hatten sie bis in die Wildnis Oregons verfolgt. Dort war sie dann zufällig Bill begegnet, der sie selbstlos vor beiden beschützte. Am Crater Lake war es schlussendlich zum Showdown gekommen, bei dem ihr Mann in den Tod gestürzt war. Im darauffolgenden Winter hatte sie ihren Job als chirurgische Oberärztin in einer renommierten Frankfurter Klinik aufgegeben und war zu Bill in die Staaten zurückgekehrt. Während ihrer gemeinsamen Arbeit an einem Wolfsprojekt im Yellowstone-Nationalpark hatten sie zueinandergefunden. Langsam sog Anna die rauchige Luft ein. Bald würde der erste Schnee fallen und seine schützende Decke über der Natur ausbreiten. Seit jeher liebte sie diese Zeit, die die Vergänglichkeit alles Lebenden offenbarte, aber gleichzeitig demjenigen Ruhe und Frieden schenkte, der sein Herz dafür öffnete. Konzentriert, um jede noch so winzige Einzelheit aufzunehmen, ließ sie den Blick über den See schweifen, der sich vor fast sechstausend Jahren nach einer Eruption des Vulkans Mount Mazama in dem eingebrochenen Krater gebildet hatte. Außer ihr war niemand hier. Nachdem Bill sie an der Straße, die den See umrundete, abgesetzt hatte, war ihr kein Mensch begegnet. Nur der krächzende Ruf eines Kiefernhähers hallte über das blaue Wasser und fand sein Echo an den Kraterwänden.